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Bilder die zum Widerspruch und zur Diskussion herausfordern, gehören für den Wiener Fotografen Harald A. Jahn zum Grundverständnis des eigenen künstlerischen Anspruches. Sich selbst als Teil der SM-Szene betrachtend, fließt diese besondere  Spielart sexueller Identität zwar auf subtile Art in seine beeindruckenden  Photographien mit ein, dominieren aber deren Gestus und Gestaltung nicht. So bleibt ihm der Vorwurf des künstlerischen Ghettos erspart, und er widerum  dem Grundsatz treu, sich nicht nur auf die bloße Abbildung von Schönheit und  Schönheiten zu beschränken, sondern sich dem zu widmen was in der Liebe, Schönheit und Erotik wirklich zählt. 

KS

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Interview mit Harald A. Jahn

Die Fragen stellte Michi Wüst.

M: Du fasst SM als Teil Deiner Kultur, Deines Lebens auf und nicht als losgelösten Teil?

Ja, genau. Es ist eine Sache, die sich durchs ganze Leben zieht - wobei ich es aber nicht so ernst nehme. In meinen Fotos gibt es keine besondere Aussage, keine großartige Message oder irgendwas gesellschaftskritisches. Es ist rein das Ästhetische. Diese Latex-Geschichten sind einfach wunderschön anzusehen, auch, dass der Körper abstrahiert ist. Latex ist ja ein Material, das all die kleinen Muttermale, Hautunreinheiten oder Fältchen einfach verdeckt und den Körper auf die pure Form zurückführt, auch durch die Reflexion. Das ist einfach ein ästhetischer Wert, den ich sehr spannend finde.

M: Hat das etwas mit dem Menschen als Objekt zu tun?

Objektivierung - das ist eine schwere Frage. Ich sehe meinen Partner und nicht nur das Gewand, das er trägt. Ich mag das Material. Ich fasse es selbstverständlich auch gern an. Ich sehe Frauen ganz einfach gern in Latex. Deswegen mache ich ja die Fotos. Aber es ist natürlich schon die Person, die das trägt, interessant und der Mittelpunkt meiner Arbeit und nicht der 17.te Fetzen oder das Latex-Top - so ein Fetischist bin ich nun auch wieder nicht.

Ich frage mich ja selbst auch immer wieder, was da in meinem Kopf passiert und was eigentlich der Kick ist. Ich muss das quasi immer evaluieren, was ich mache und das in Frage stellen. Ich mache das sehr gerne, ständig alles in Frage zu stellen, um mich nachher dafür entscheiden zu können. Da kommt dann als Antwort drauf, "na gut, das ist wirklich ein Käse" oder "ja, da stehe ich dazu, das ist eigentlich wirklich gut".

M: Kommen Leute zu Dir und sagen: "Mir gefällt Deine Arbeit. Fotografier mich!" Sind das Menschen aus Deinem Umfeld, die Du anstößt. Oder ist es so, dass es in 1. Linie Deine Lebensgefährtinnen oder Spielpartner, etc. sind?

Alles zusammen. Alle Möglichkeiten. Einerseits ist meine Website schon sehr bekannt und wird auch ungestützt erwähnt. Andererseits kommen halt einige Leute, die das sehen und mich anschreiben, ob ich nicht sie fotografieren möchte. Früher habe ich inseriert, in letzter Zeit nicht mehr, weil sich ohnehin genug Models melden. Ich bin auch in der Gothic und Fetisch Szene unterwegs. Da spreche ich auch Frauen an, oder andere Leute, auch Paare, die mir gut gefallen. Und natürlich sind auch meine jeweiligen Partner in irgendeiner Weise da involviert. Es ist einfach ein gemeinsames Ausleben, als Teil des ganzen Spiels, des ganzen Erlebens.

M: Ist die Dokumentation nicht ein Eingriff?

Eine Foto-Session ist ja nicht Dokumentation. Das ist mehr eine Interaktion mit dem Model. Du musst dich auf jemand einlassen und auf die Person reagieren. Es wird natürlich in irgendeiner Weise nah und intim. Du bist dann mit jemandem in einem abgeschlossenen Universum und nach den ersten Fotos, nach dem "Warm schießen", ist es einfach eine gewisse Geschichte zwischen Fotograf und dem Model.

M: Kriegt die Kamera sozusagen ein Eigenleben.

Ja. Und das ist ein Aspekt, den ich immer wieder betone. Durch die Kamera wird plötzlich etwas möglich, das sonst nicht möglich wäre. Das heißt, das Model fühlt sich der Kamera verantwortlich und produziert sich ein bisschen mehr, als sie das sonst machen würde. Die Kamera ist für mich ein Schild, hinter dem ich ein bisschen verdeckt bin, ich verschwinde hinter der Kamera . Das heißt, das Model sieht mehr sich selbst und die Kamera als mich und fühlt sich ein bisschen getrieben, doch mehr preiszugeben, als wenn sie nur mit mir zusammen wäre. Das ist eine spannende Geschichte, weil die Kamera eben so ein Katalysator ist in dem "Sich öffnen". Die meisten Frauen lieben es einfach, betrachtet und damit bewundert zu werden. Sie fühlen sich auch geschmeichelt, wenn sie fotografiert werden.

M: Wir sitzen hier in einer Galerie, die allein schon durch ihr Äußeres besticht und wenn man genauer hinsieht, macht einfach jedes gestalterische Detail Freude. Was ist die Idee dahinter?

Ich war früher Innenarchitekt, habe das aber aufgegeben, weil es zu wenig Geld gebracht hat. Hier habe ich mich noch einmal mit einem eigenen Projekt ein bisschen verwirklicht und einfach geplant, ohne dass mir ein Auftraggeber reinredet. Es war es mir finanziell etwas wert, dass das so aussieht, dass man sagt: "Aha, da ist jemand, der hat Stil, der hat Geschmack!". Das ist keine Hinterhof-Galerie oder ein Hinterhof-Fotostudio, sondern da ist Substanz, und zwar sowohl an gestalterischem Können als auch an geschäftlichem Hintergrund. Mein Hauptjob ist die Fotoagentur, das heißt, ich handle mit Foto-Lizenzen. Dieser Raum hat mehrere Aufgaben:

Erstens als Studio, um ganz klassische Sachen zu fotografieren. Zweitens als Lager, Werkstatt und Multifunktionsraum für die Bildagentur. Und weil der Raum vom Raumschnitt und von der Anlage her so praktisch ist mit den hohen Wänden, war es auch logisch, eine Galerie daraus zu machen. Es ist ein leerer, schöner, weißer Raum und die weißen Wände schreien danach, etwas hinzuhängen. Da war es plötzlich einfach halt logisch, Kunst aufzuhängen. Weil ich halt ein Schweinderl bin, denke ich, dass erotische Kunst das Spannendste überhaupt ist, außerdem gibt es keine Galerie, die sich dem dezidiert widmet.

Das, was ich mache, soll ganz einfach die Leute erfreuen. Deswegen auch die Galerie hier, das ist selbstlos gesehen. Es macht mir einfach Spaß in diesem recht grauen Teil des Bezirkes, in diesem recht unaktiven Teil, ein kleines, glitzerndes Steinchen zu platzieren, was gelegentlich auffunkelt im Sonnenstrahl und die Leute mal ein bisschen wach werden lässt. Dieser Altruismus, der fehlt in Wien ja sehr, glaube ich. Einfach etwas zu tun, weil es Spaß macht, weil es schön ist. Was du in Wien ja sehr oft hörst: "Wos brauch ma des? Des brauchn ma ned." Wenn es um Dekoration geht, um eine Bank, einen Baum irgendwo: "Des brauchn ma ned." Wenn es darum geht, ein Haus etwas schöner zu machen, "Wurscht". Es ist sehr wenig Liebe für die Umgebung hier zu spüren.

M: Du lebst von der Bildagentur. Gibt es tatsächlich diesen Trend "SM sells"?

In der Bildagentur kann ich das nicht wirklich nachvollziehen, weil ich in dem Bereich wenig Fotos verkaufe. Es fällt mir einfach als Konsument auf, dass gelegentlich halt Fetisch- oder SM-Szenen in den Zeitschriften auftauchen. Aber das ist nicht so neu, glaube ich. Das ist vielleicht jetzt in aller Munde. Aber das hat doch schon bei der Bauwelt-Werbung damals begonnen mit den Newton Bildern, oder bei der "Absolut Wodka"-Werbung.

M: In Deinem Werk findet sich doch deutlich ein Bezug zu Bauwerken, besonders zu alten, vielleicht sogar verfallenen Gebäuden, Stadtteilen.

Ich habe mich immer schon sehr für Architektur interessiert. Als junger Bursche mit 15 haben mich die Tiefbauarbeiten des U Bahn Baus sehr fasziniert, das Einbringen von Strukturen in die gewachsene Stadt, die ich als Organismus sehe. Architektur ist einfach mein Faible, Stadtplanung, Architektur generell. Ich habe früher vor allem Architektur fotografiert. Das kann ich viel besser als Fetisch-Fotos machen. Und die Fetisch-Bilder, die mit Architektur zusammenhängen, das war immer ein interessanter Kontrast zwischen dem Verrottetem bei verfallenen Gebäuden oder bei verfallenen Industrieanlagen. Ich mag den Kontrast mit dem hochglänzenden, gestylten Fetischzeug. Ausserdem sehe ich sehr deutlich die Kraftlinien, die z.B. durch das Industriegebäude gehen. Auf das notwendigste reduzierte Stahlträger oder die kraftvollen Verbindungen und Strukturen finde ich höchst spannend. Ich spüre diese Kraft in Industriegebäuden, auch die Maschinenkraft, selbst wenn die Maschinen nicht mehr in Betrieb sind. Aber diese pure Kraft ist ja das architektonische Symbol, ähnlich der Kraft, die in SM im Kopf passiert. Das in Form Zwingen von Werkstücken oder die Energie, ein Material, einen Menschen etwas tun zu lassen, das sie ohne diese massive Einflussnahme nicht tun würden.

Meine Idee von SM ist, dass ich forme, gegen den Willen, gegen den Widerstand einer Frau, sie zwinge, sich ganz aufzugeben, sich ganz aufzulösen und sich völlig zu öffnen, weil mich interessiert, was unter der Oberfläche ist. Ich finde auch den Konnex zwischen Menschen und Maschinen sehr interessant. Einfache Maschinen, die bei Menschen auf Knopfdruck einen Schwall von Gefühlen auslösen, Menschen und Maschinen, die eng verbunden sind, in Wechselwirkung treten, Cyborgs… Etwas, das ich auf Fotos schon lange machen will, aber aus Zeitgründen noch nicht verwirklicht habe.

M: Würdest Du da von Deinem Prinzip, nichts mit dem Computer nachzubearbeiten, abgehen?

Na ja, es ist kein wirkliches Prinzip. Es liegt einfach daran, dass ich es nicht gut kann. Aber mir gefällt es an und für sich sehr gut, die extrem veränderten Bilder vom Skin Two zum Beispiel. Das ist nicht so mein Metier und ich bin da nicht fähig. Aber es würde mir gut gefallen. Was ich gern machen würde ist Bilder zu übermalen.

M: Eine ganz andere Frage: Wie ist Dein Verhältnis zur Wiener SM Szene?

Ich bin kein Vereins-Meier und ich brauche auch keine Gruppen um mich herum, um mein Leben, mein SM zu leben, Ich brauche keinen Kaninchenzüchterverein. Ich meine, Sachen wie "Eat me, beat me" sind auch lustig - Aber deswegen, weil es witzig ist, mit ein paar Leuten über Computer zu reden. Ich sehe nicht ein, warum ich eine gewisse Vorliebe, die sich normalerweise zwischen zwei Menschen abspielt, in eine Gruppe tragen soll. Gefühle austauschen, das mache ich mit meinem Partner, ich brauche mich da jetzt nicht öffnen gegenüber fünf anderen Leuten und ich brauche auch nicht wirklich das Gruppenerlebnis, wenn ich z.B. in eine Ausstellung gehe und ich brauche auch keine "Exkursion zum Latex-Schneider", da kann ich allein auch hingehen.

In England z.B. hast du wirklich eine Kunst- und Modeszene um BDSM und Fetisch herum. Das finde ich sehr spannend, weil ja für mich SM in das ganz alltägliche Leben hinein geht, wenn man sich auch kulturell interessiert und weil über die Kultur ja auch die Beschäftigung damit passiert, was dahinter steckt. Das finde ich recht spannend. Während das hier, das 17. Flag-Seminar und das 28. Bondage-Workshop, na ja. Ich habe halt ein bisschen das Problem mit der hiesigen Szene, dass sie mir halt ein bisschen zu wienerisch ist.

M: Ich danke für das Gespräch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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